Reden und Handeln für Gerechtigkeit

2009 November 10

Aufgrund einer OM-Abendveranstaltung, an dem ich vor einiger Zeit teilnahm (s. hier), las ich das Buch „On the Side of the Angels“ vom Leiter von OM Indien. Das Buch ist ein Plädoyer für ein (christlich motiviertes) Engagement für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Schon zu Beginn wird festgehalten: „Gerechtigkeit ist ein integraler Bestandteil unserer Berufung hier und jetzt“ (S. 3; Übersetzungen von mir; das Buch gibt’s hier auch auf Deutsch) — und natürlich geht es nicht um Gerechtigkeit im theologischen Sinn, sondern um Gerechtigkeit in der Gesellschaft.

Natürlich gibt es unzählige Gruppierungen, die sich für diese Anliegen einsetzen. Was zeichnet also ein spezifisch christliches Engagement aus?

  • Es zieht die Dimension der unsichtbaren Welt bewusst mit ein, insbesondere durch Gebet.
  • Es ist motiviert durch die Tatsache, dass der Mensch (alle Menschen!) im Ebenbild Gottes geschaffen sind. Wo Menschen in ungerechten Strukturen leben, wird diese Ebenbildlichkeit mit Füssen getreten.
  • Drei Wesenszüge des Menschen sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig: Würde, Gleichheit und Verantwortung (S. 39ff)
  • Es setzt sich nicht nur für Menschen aus der eigenen Gruppe (Christen) ein, sondern für alle, die durch ungerechte Strukturen leiden (im Buch wird ein Begebenheit berichtet, wo indische Christen sich selbstlos und risikobereit für Muslime in Not einsetzten) (S. 83ff).

Allzu lang hat die Gemeinde ein zu enges Verständnis von Mission gehabt. (…) Zunehmend sehen die Evangelikalen jedoch ein, dass das gepredigte Wort und das Wort, das sich in sozialen Aktionen ausdrückt, vollständig kompatibel sind und sogar unbedingt zusammen gehören (S. 57).

Weltweit hat sich die Gemeinde immer wieder auf der falschen Seite gefunden, wenn es um praktische Hilfe und Mitgefühl (compassion) ging (S. 95). [HW: Man mag zwar im Einzelfall geholfen haben, aber allzu oft war man strukturell auf der Seite der Unterdrücker, so z.B. in Südafrika zur Zeit der Apartheid. In Ghana habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass eine der allerersten anglikanischen Gemeinden in Afrika ihren Gottesdienst direkt über dem Raum feierten, in dem Sklaven auf ihren Abtransport über den Atlantik warteten..!]

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Schwächung der Gemeinde in Europa seit dem 2. Weltkrieg wenigstens teilweise mit ihrem Versagen in Sachen Gerechtigkeit zu tun hat [durch aktiven Widerstand gegen das Naziregime, HW]. Wenn die Gemeinde in Zeiten, wo das Böse gegen die Menschheit historisches Ausmass annimmt, nicht in Wahrheit, Gerechtigkeit und Mut handelt, dann unterschreibt sie ihr eigenes Todesurteil für künftige Generationen (S. 122).

Die Gemeinde soll sich also einsetzen. Sie kann es in der Gewissheit tun, dass Gott sein gerechtes Friedensreich gewiss aufrichten wird.

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