Velofahrer fordern Mindestabstand

Der Velo-Verein Pro-Velo fordert, dass Autofahrer bei Überholmanöver einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten. Laut einer Umfrage der Gratiszeitschrift 20 Minuten finden über 80% von gut 10 000 Leuten „Das geht zu weit. 1.50 Meter hat man ja gar nicht überall Platz.“

Dazu folgendes aus der Beiz:

»Völlig daneben«, meinte Houserfritz,
»was diese Velololobbyisten
da wieder für einen Aufstand machen
wegen ein bisschen mehr Anstand beim Überholen«,
liess die Faust auf den Stammtisch krachen, dass die Gläser klirrten,
schüttelte empört den roten Kopf
und wartete siegesgewiss auf eifrige Zustimmung.

Die liess aber auf sich warten.

Schliesslich meinte der Moserküdu verwirrt,
er hätte wohl »mehr Abstand beim Überholen« sagen wollen…?

»Jalolologisch.
Aber genau an diesem Anstand fehlt es diesen, diesen…«
Und nach einem weiteren Schluck Kafifertig setzte er in professoraler Würde zu einem letzten Schlag aus:
»Es ein Gebot der erzieherischen Verantwortung,
dass wir die darwinistisch legitimierte Hackordnung immer wieder neu etabla…, etablabla…, etablablabla…«

Es kam niemand so richtig draus.
Aber beeindruckt war man durchaus.

Ich gebe unverschämt zu, dass ich in der o.g. Umfrage zur kleinen Minderheit von 17% gehöre, die finden: „Das [mit den 1.50 Meter Abstand] ist das einzig Richtige, um Velofahrer zu schützen.“ Mir kommt es dabei nicht sooo drauf an, ob mich jemand aus gebührendem Anstand oder mit gefordertem Abstand überholt. In Zentimetern ausgedrückt kommt beides so ziemlich aufs Gleiche raus.

Bild: www.bike-bild.de

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Hochs und Tiefs im geistlichen Leben – Hilfe von Ignatius

Ignatius von Loyola hat 14 Punkte formuliert, wie man Hochs und Tiefs im geistlichen Leben erkennen und damit umgehen kann. Er nennt dies die „Regeln zur Unterscheidung der Geister“, was aber ein etwas irreführender Begriff ist. Die geistlichen Hochs nennt er „Trost“; die geistlichen Tiefs „Untrost“. Ich bevorzuge die englischen Begriffe Consolation und Desolation.

Diese Regeln müssen eingeübt werden, wenn sie ihr Potential entfalten sollen. Die Regeln 1-4 etablieren die Begrifflichkeiten. Die restlichen Regeln geben Handlungsanweisungen. Besonders erwähnen möchte ich:

  • Regel 5: In Zeiten der Desolation keine tiefgreifende Entscheide fällen. Das ist ein wirklich weiser Rat. Ignatius bezieht ihn ausschliesslich auf Entscheide, die das geistliche Leben anbelangen (wenn ich mir vorgenommen habe, regelmässig die Bibel zu lesen, dann soll ich von meinem Vorhaben in Zeiten der Desolation nicht abrücken). – Ich vermute, dass diese Regel sinnvollerweise auch auf andere Lebensbereiche angewendet werden kann: Wenn ich mir vorgenommen habe, regelmässig Sport zu treiben / wenn ich in meinem sozialen Umfeld gerade eine Krise habe / wenn ich …, dann soll ich auch in Zeiten der Desolation dran bleiben. Natürlich gibt es Situationen, wo Veränderung wirklich not-wendig ist, gerade weil sie einen Zustand der Desolation festigen; die Regeln 5 und 13 (!) würde in einem solchen Fall nahelegen, sich einer erfahrenen Drittperson anzuvertrauen, die einen etwas objektiveren Blick auf die Situation werfen kann.
  • Die Regel 8 weist darauf hin, dass es im geistlichen Leben völlig normal ist, wenn es auf und ab geht. Man hat nicht ständig Höchstgefühle, manchmal fühlt man sich fern von Gott, vernimmt sein Reden nicht, ist wenig motiviert usw. usf. Dafür gibt es viele Gründe, die nicht unbedingt mit eigenem Versagen zu tun haben (s. Regel 9).

Nun meine Zusammenfassung dieser Regeln. Ein Buch von Timothy Gallagher („The Discernment of Spirits: An Ignatian Guide for Everyday Living“) und seine Serie von Podcast (ebenfalls Englisch) haben mir einen ersten Zugang zu Ignatius‘ alten Regeln ermöglicht. Hier kann man den ganzen Wortlaut in der deutschen Übersetzung nachlesen.

Die «Unterscheidung der Geister» nach Ignatius von Loyola

  1. Die Person, die sich in ihrer Grundausrichtung von Gott wegbewegt, wird darin vom Feind ermutigt und vom Geist Gottes entmutigt.
  2. Die Person, die sich in ihrer Grundausrichtung zu Gott hinbewegt, wird darin vom Feind entmutigt und vom Geist Gottes ermutigt.
  3. Mit Consolation werden Bewegungen auf Gott hin bezeichnet. Die Liebe für Gott und Mensch wird entfacht, das Gute in jeder Form wächst in uns.
  4. Desolation ist die der Consolation entgegengesetzte Regung. Ein oft auftretendes Element im Zusammenhang mit Desolation ist ein allgemeines Gefühl der Ohnmacht und des grundsätzlichen Versagens.
  5. In Zeiten der Desolation soll man niemals seine Vorsätze für geistliche Disziplin ändern oder davon ablassen.
  6. In Zeiten der Desolation soll man jedoch durchaus zusätzliche geistliche Diszi­plinen ausüben, wie zum Beispiel Gebet, Meditation, Examination (z.B. so) oder Busse.
  7. Zeiten der Desolation sind Zeiten der Prüfung, in denen Gottes Nähe nicht spürbar ist; trotzdem ist Gottes Gnade genügend stark, um der Versuchung Widerstand leisten zu können.
  8. Zeiten der Desolation sollen mit Geduld ertragen werden im Wissen darum, dass nach der Desolation immer wieder die Consolation folgt.
  9. Eine Zeit der Desolation kann verschiedene Ursachen haben, zum Beispiel eige­nes Versagen (dann kann die Desolation ein Ruf zur Umkehr sein), eine Prüfung Gottes (dann kann die Desolation zur Erkenntnis der eigenen Gefährdung dienen), eine vertiefte Hinführung zu einem demütigen Herzen (weil wir erkennen, dass wir es ohne Gottes Hilfe nicht schaffen).
  10. Zeiten der Consolation sollen dazu genutzt werden, sich auf die nächste Zeit der Desolation vorzubereiten.
  11. In Zeiten der Consolation soll man demütig bedenken, wie gänzlich man in der nächsten Desolation von Gottes Gnade abhängig sein wird. In Zeiten der Desolation soll man dagegen bedenken, dass Gottes Gnade genügt, um in der Zeit der Desolation bestehen zu können.
  12. Wenn sich eine Zeit der Desolation ankündigt, dann soll man in den Anfängen der Versuchung eine feste Haltung gegen den Feind einnehmen (der im Grunde ein schwacher Feigling ist).
  13. In Zeiten der Desolation soll man sich einem erfahrenen Seelsorger anver­trauen.
  14. Man soll die Punkte identifizieren, in denen der Feind angreift, und Massnahmen zur Stärkung dieser Punkte ergreifen.

(Foto:myself)

Das spirituelle Handwerk des Gebets lernen (Steffensky)

Es kommt selten vor, dass ich ein Buch zwei Mal lese – aber Fulbert Steffensky’s Schwarzbrotspiritualität ist wirklich gut. Und es war auch ein wirklich guter Moment, um dieses Buch wieder hervorzunehmen, denn schon im ersten Kapitel geht es gerade um das Thema, das unsere Gemeinde zurzeit beschäftigt: Gebet.

Steffensky fragt etwas salopp: „Wie betreibt man das Handwerk der Spiritualität?“ Ja, man könne dieses Handwerk tatsächlich lernen, meint er, „wenn man sich an die Regeln hält. (…) Regeln und Methoden reinigen uns von der Zufälligkeit des Augenblicks und machen uns langfristig.“ Und diese Langfristigkeit – die Perspektive des langen Atems, diese „long obedience in the same direction“, wie es Eugene Peterson nennt – die ist tatsächlich not-wendig, gerade wenn es um ein Grossprojekt wie „Gebet“ geht.

Hier sind Steffensky’s zwölf Regeln (kursiv jeweils meine Gedanken dazu):

1. Entscheide dich zu einem bescheidenen Vorhaben auf dem Weg zum Gebet! Es gibt das Problem der Selbstentmutigung durch zu grosse Vorhaben.
Haargenau. Ich nenne dies „Lieber etwas Kleines tun als von etwas Grossem nur reden.“ Was also könnte ein nächster kleinere Schritt sein, das Gebet in deinem Leben zu fördern?

2. Gib deinem Vorhaben eine feste Zeit!
3. Gib deinem Vorhaben einen festen Ort!
Die feste Zeit und der feste Ort bewahren mich davor, dass jede Gebetszeit mit einem inneren Dialog erkämpft werden muss. Es ist „einfach klar, dass ich jetzt bete und dass ich das hier tue.“ Und wenn ich mich hier einfinde, dann weiss ich mit Leib und Seele, dass ich jetzt beten will.

4. Sei streng mit dir selber!
Offensichtlich hat geistliches Leben etwas mit Disziplin zu tun, mit Einüben. Vieles kann eben nur mit Freude und Gewinn praktiziert werden, wenn man es sich in Routine erarbeitet hat, z.B. Klavier spielen, eine Kletterwand durchsteigen, einen Menschen portraitieren – oder beten.
(Unbedingt jedoch auch Punkt 10 beachten!)

5. Rechne nicht damit, dass dein Vorhaben ein Seelenbad ist! Es ist Arbeit (…), manchmal schön und erfüllend, oft langweilig und trocken. Das Gefühl innerer Erfülltheit rechtfertigt die Sache nicht, das Gefühl innerer Leere verurteilt sie nicht.
Ja, das schreibt Steffensky tatsächlich so! Im bequemen Westen des 21. Jahrhunderts! Es erinnert an die „Absichtslosigkeit“, zu der die alten Mystiker aufrufen. Ich meine, dass in diesem Gedanken sehr viel Zündstoff für ganz verschiedene fromme Praktiken steckt: Weshalb gehe ich in einen Gottesdienst? Weshalb diene ich jemandem? Weshalb lese ich die Bibel? Wenn ich das nur mache, solange ich dabei von Glücksgefühlen erfüllt werde, dann werde ich wohl nicht sehr lange dabei bleiben… – Ganz ähnlich auch der nächste Punkt:

6. Sei nicht auf Erfüllung aus, sei vielmehr dankbar für geglückte Halbheit!
„Geglückte Halbheit“ – auch so ein Begriff, den man sich auf der Zunge vergehen lassen muss…

7. Beten und Meditieren sind kein Nachdenken. Es sind Stellen hoher Passivität. Man sieht die Bilder eines Psalms oder eines Bibelverses und lässt sie behutsam bei sich verweilen.
„Man sieht die Bilder eines Psalms oder eines Bibelverses und lässt sie behutsam bei sich verweilen“ – welch einladende Vorstellung: der Psalm und der Bibelvers bei mir zu Besuch!

8. Fang bei deinem Versuch nicht irgendwo an, sondern baue dir eine kleine, sich wiederholende Liturgie!
Dem kann ich nur mit Nachdruck zustimmen. Ich habe mir in den vergangenen Jahren zahlreiche Gebete geschrieben – ja, an ihnen gefeilt! –, die mich in den Tag und durch schwierige Zeiten führen. Ich bin froh, dass ich mir meine Gedanken nicht jedes Mal neu zusammensuchen muss und dass ich mir dadurch gewisse Dinge, die ich sonst vielleicht aus dem Blickfeld verlieren würde, so immer wieder in Erinnerung rufe. (Ich bin sehr vergessli).

9. Lerne Formeln und kurze Sätze aus dem Gebets- und Bildschatz der Tradition auswendig!
Oder baue sie gleich in deine Liturgie vom vorangehenden Punkt ein…

10. Wenn du zu Zeiten nicht beten kannst, lass es! Aber halte den Platz frei für das Gebet (…), verhalte dich auf eine andere Art still. Verlerne deinen Ort und deine Zeit nicht.
Das war mir ein neuer Gedanke (obwohl ich ihn ja schon mal gelesen habe…). Er leuchtet mir total ein.

11. Sei nicht gewaltsam mit dir selbst! Zwinge dich nicht zur Gesammeltheit! …es soll uns der Humor über dem Misslingen nicht verloren gehen.
Das scheint mir besonders für jene Menschen wichtig zu sein, die sich durch ihre eigenen Vorsätze unter grossen inneren Druck setzen.

12. Birg deinen Versuch in den Satz von Römer 8: Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. (…) Wir beginnen den Weg zum Glück nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene.

Also dann: Machen wir uns auf!

(Foto: http://www.desiringgod.org)

Reise mit fliegendem Teppich – zwei Ergänzungen

Eine ehrenwerte Leserin meines gestrigen Artikels schrieb folgendes:

Man überlegt sich natürlich, wie das Gepäck mitgekommen ist. Vielleicht habt ihr euch ja auf die Koffer gesetzt? Jetzt bitte noch ein Foto mit euch beiden auf dem Teppich posten.

Dazu möchte ich folgendermassen Stellung nehmen:

Erstens zum Gepäck: Es ist tatsächlich so, dass unsere beiden Gepäcktaschen wunderbar Platz haben auf dem Teppich. Dadurch ergibt sich für uns, die wir das lange Sitzen im Schneidersitz nicht gewohnt sind, eine wesentlich bequemere Sitzposition.

Zweitens zum Foto: Leider kann ich diesem Wunsch nicht nachkommen, denn: Fliegende Teppiche kommen bekanntlich aus einem Kulturkreis, in denen bildliche Darstellungen ungern gesehen werden. Deshalb lassen sich fliegende Teppiche nicht fotografieren (ich hätte beim gestern einkopierten Bild  darauf hinweisen sollen, dass es sich um ein manipuliertes Bild handelt – also eine sog. „alternative Tatsache).

Flug mit Teppich (eine wahre Geschichte)

In der Nacht auf heute sind wir aus Asien nach Hause gereist. Wir waren dort für Sitzungen und anschliessende Ferien. Auf der Rückreise hatten wir einen Tag Zwischenhalt in Singapur eingeplant, und weil wir des Wartens überdrüssig wurden und ohnehin schon in der berühmten Arab Street waren, begaben wir uns in einen der zahlreichen Teppichläden. Anfänglich wollten wir uns einfach nur sattsehen, aber schon bald tauchte die Idee auf, wir könnten uns ja auch einen Teppich kaufen und damit nach Hause fliegen. Dies erschien uns umso attraktiver, als wir das übliche Reisen per Flugzeug aus Gründen des Umweltschutzes sowieso problematisch finden. Zudem erinnerten wir uns auch wieder daran, dass wir vor etlichen Jahren mit einem Teppich von Istanbul  nach Hause flogen, und so wussten wir aus Erfahrung, dass sich Flugreisen tatsächlich auch mit einem Teppich bewältigen lassen.

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Schon beim Kauf des besagten Teppichs in Istanbul lernten wir, dass man sich dafür besser genügend Zeit lässt, denn es handelt sich dabei um eine Vertrauenssache (ich hoffe, darüber später noch einen weiteren Artikel schreiben zu können). Dies umso mehr, wenn man mit ihm eine lange Flugreise antreten will, was bei uns ja der Fall war. Der Flug von Istanbul nach Zürich dauert vergleichsweise kurze zwei Stunden; für den Flug von Singapur mussten wir mit über dreizehn Flugstunden rechnen, was vom gewählten Flugmaterial offensichtlich erheblich mehr abverlangt. Wir wollten bei der Qualität des gewählten Teppichs keine Kompromisse eingehen – immerhin waren auch andere Faktoren nicht zu ignorieren: Mit der hereinbrechenden Nacht mussten wir uns auf einen Nachtflug einstellen, was bezüglich Navigation höhere Ansprüche stellt. Zudem hatten wir mehrere grosse Gewässer zu überqueren; wir hatten zwar einschlägige Erfahrungen mit dem Fliegen mit Teppichen (s.o.), wussten aber kaum etwas über deren Schwimmfähigkeit und -verhalten. Dass wir dann innerhalb der engen Grenzen unseres Budgets einen guten Teppich fanden, machte uns nicht wenig glücklich.

Der nach langer Verhandlung erstandene Teppich kommt aus Indien und ist 90 x 125 cm gross; es können darauf also im Schneidersitz ohne Probleme zwei Passagiere sitzen und haben dabei sogar etwas mehr Platz zur Verfügung als auf einem gängigen Economy-Sitz. Preislich meinen wir einen guten Deal gemacht zu haben, jedenfalls deutlich günstiger als zwei Plätze in einem kommerziellen Flug. Auch die Ökobilanz ist bei Teppichen deutlich besser als bei Passagierflugzeugen.

Eigentlich wären wir gerne direkt auf unserem Balkon gelandet, aber die Flugüberwachung und andere physikalische Limitierungen zwangen uns zur Landung auf dem Züricher Flughafen. Beim Zoll lieferten wir dem Schweizer Staat pflichtbewusst etwas über vierzig seiner Franken ab.

Als ich heute Nachmittag eine kurze Runde über’s Bieler Seeland drehen wollte, tat der Teppich keinen Wank. Vermutlich sind Teppiche, auf welchen die Schmach der Schweizerischen Warenumsatzsteuer liegt, bezüglich Flugverhalten von hiesigen Teppichen nicht mehr zu unterscheiden. Somit dürfte dies die letzte Flugreise unseres Teppichs gewesen sein. Wie viele Flugreisen er schon vor unserem käuflichen Erwerb gemacht hat, haben wir den persischen Teppichhändler leider zu fragen vergessen.

Foto: http://popupcity.net/flying-grass-carpet-a-landscaping-fairytale/